ANWENDUNG19. Januar 2021

Kontaktlos Bezahlen per Smartphone und Wearable: War gestern! Kommen jetzt die Implantate?

Von Zeit zu Zeit geistert das Thema Bezahlen mit einem Implantat durch die Medien. Doch auch im Jahre 2021 schien mir das noch Science Fiction zu sein. Doch jetzt wurde Autor Rudolf Linsenbarth eines besseren belehrt. Wer will; kann sich schon heute die Karten eines deutschen Emittenten unter die Haut schieben. Leonard Niehaus hat es getan – und zahlt indem er die Hand an das Terminal hält.

von Rudolf Linsenbarth

Meinen ersten Kontakt mit diesen Cyborg ähnlichen Modifikationen hatte ich 2016 auf der CeBIT. Von der Firma Digiwell konnte man sich einen NFC-Chip in der Größe eines Reiskorns mittels einer großen Spritze in eine Hautfalte zwischen Daumen und Zeigefinger injizieren lassen. Zurückgehalten hat mich nicht der Preis von 89 €, sondern die Tatsache, dass mir der Nutzen doch recht überschaubar erschien. Insbesondere fehlte mir die Möglichkeit; mit einem solchen Implantat auch bezahlen zu können. Vor fünf Jahren hätte ich getippt, so etwas sehen wir frühestens in 10 Jahre und für Deutschland müssten wahrscheinlich noch einmal 5 Jahre draufgeschlagen werden.

Experimentierfreudiger Entwickler: Das Implantat in der Hand hinterlässt eine Narbe
Experimentierfreudiger Entwickler: Das Implantat in der Hand hinterlässt eine kleine NarbeLeonard Niehaus

Ende letzten Jahres erhielt ich jedoch eine Mail von Leonard Niehaus mit der Frage, ob ich Interesse an einem Artikel über sein Payment-Implantat hätte. Es würde sich dabei um eine echte Debitkarte von einer deutschen Bank handeln. Mit dieser Ansage hatte Leonard selbstverständlich meine volle Aufmerksamkeit. Wir vereinbarten einen Video Call und er erzählte mir die Geschichte dahinter.

Die bereits erwähnte Firma Digiwell kauft die „Micro Mastercard“ von VIMpay (laut Eigenaussage:  „Die kleinste MasterCard der Welt!“) und schickt diese dann zum US Unternehmen „Dangerous Things“. Hier wird die VIMpayGo Micro Mastercard in ein Implantat umgewandelt. Dazu wird das Chip+Antennen-Inlay freigelegt und mit einer speziellen Biopolymer-Beschichtung eingekapselt. Anschließend wird das Produkt zum Kunden zurückgeschickt und man kann es sich von einem Piercing-Studio, welches auch transdermale Implantate einsetzt, implantieren lassen.

Die modifizierte VimPay-Karte kostet 199$ und für das Einsetzen des Implantats muss man ungefähr noch mal mit einem Betrag in gleicher Höhe rechnen.“

Autor Rudolf Linsenbarth
Rudolf LinsenbarthRudolf Linsenbarth be­schäf­tigt sich mit Mobile Payment, NFC, Kundenbindung und digitaler Identität. Er ist seit über 15 Jahren in den Bereichen Banken, Consulting, IT und Handel tätig. Lin­sen­barth ist profilierter Fachautor und Praktiker im Finanzbereich und kommentiert bei Twitter (@holimuk) die aktuellen Entwicklungen. Alle Beiträge schreibt Linsenbarth im eigenen Namen.
Damit ist klar, mit einer Spritze, wie damals auf der CeBIT, ist es nicht getan. Dangerous Things weist zudem darauf hin, dass es sich um eine Umrüstungsdienstleistung und nicht um ein Produkt handelt. Auch wenn das konvertierte Implantat in einer Lösung aus Chlorhexidin und Ethylalkohol versandt wird, erhebt man keinen Anspruch auf Sterilität und gibt keine Ratschläge für die Implantation. Die Entscheidung über die beste Position und die Vorgehensweise bei der Implantation liege ausschließlich beim Kunden. Außerdem gibt es den Hinweis, dass die Karte als Einwegprodukt konzipiert ist und sie nach Ablauf, ohne Möglichkeit auf Verlängerung, unbrauchbar wird. Sie muss dann entweder entfernt bzw. ersetzt werden oder verbleibt unbrauchbar im Körper.

Also für mich zwar ein spannendes Thema, aber im Augenblick fühle ich mich dann doch mit einem „normalen“ VIMpay Wearable wohler.“

Dort wächst gerade das Produktportfolio. Wie wäre es zum Beispiel mit einem schicken Armband von Payletti oder der Uhr von Swatch? Wie man ein VIMpay Wearable verwaltet hatte ich bereits in einem anderen Artikel beschrieben. Das gilt natürlich auch für das oben beschriebene Implantat.

Leonard Nie­haus
Hat ein Kreditkarten-Implantat in der Hand
Privat

Leon­ard Nie­haus ist leiden­schaft­licher Web-Entwickler und begeistert sich besonders für Cloud-Plattformen. Stetig sucht er nach den neusten und abgefahrensten Technologien. Neuste Entwicklungen, besonders um das Thema Microchip-Implantate, teilt er auf LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/leonard-niehaus/

Interview mit Implantat-Träger Leonard Nie­haus

Leonard, wie kommt man eigentlich auf eine so abgefahrene Idee wie ein Payment-Implantat?

Ich war schon immer fasziniert, manche würden auch sagen ein wenig verrückt, nach unbekannter und neuer Technik. Als ich vor fünf Jahren von den “gängigen” Implantaten in Reiskorngröße erfuhr, habe ich sofort gedacht, genau mein Ding. Mit der Ankündigung eines zahlungsfähigen Implantates habe ich mich dann genauer mit der Umsetzung beschäftigt und das Projekt sorgfältig vorbereitet.
Eine weitere Motivation war auch die Vorfreude auf die Reaktionen meiner Umwelt, wenn ich meine „Payment-Hand“ zum Einsatz bringe.

Hattest Du keine Bedenken, Dir so etwas einsetzen zu lassen?

Gesundheitliche Bedenken hatte ich nicht. Das Material, aus dem die Ummantelung des Bezahlchips entsteht, ist keine Neuerfindung. Viel größere Gegenstände wie z.B. Herzschrittmacher werden Menschen bereits implantiert. Bedenken hatte ich aber bei der technischen Umsetzung.

Das Implantat ist nur eine konvertierte Kreditkarte, was dazu führt, dass sie auch ein Ablaufdatum von fünf Jahren hat.“

Da die Karte vom Zahlungsdienstleister VimPay ausgestellt wird, bin ich auch von dieser Firma abhängig und an sie gebunden.

An welcher Stelle in Deinem Körper befindet sich jetzt der Payment Chip? Unter welchen Aspekten hast Du Dich für diese Position entschieden?

Der Payment Chip liegt auf dem Handrücken meiner rechten Hand. Wochen vor der Implantation habe ich bei jeder Kartenzahlung geschaut, an welcher Körperstelle das Implantat gerade am handlichsten liegen würde. Das habe ich dann in Form einer Strichliste dokumentiert.

Wie gut funktioniert das Bezahlen damit?

Anfangs war ich von der Leistung des Implantates enttäuscht. Die im Vergleich zu einer handelsüblichen Kreditkarte geringe Reichweite hat dazu geführt, dass ich beim Bezahlen fast das ganze Terminal abtasten musste, bis eine Verbindung hergestellt werden konnte.

Es ist aber nur eine Frage der Übung, die optimale Stelle am Gehäuse zu finden. Das ist bei jedem Modell anders, doch den richtigen Dreh hat man dafür schnell raus.“

In extrem seltenen Fällen kommt es vor, dass die Antenne des Terminals eine so geringe Leistung hat, dass das Implantat nicht kontaktiert werden kann. Somit funktioniert dann die Zahlung per Implantat nicht. Die unangenehmen Blicke muss man dann aushalten können 😉

Was machst Du, wenn die Kreditkarte abgelaufen ist?

Auch wenn sich Chip-Implantate so rasant entwickeln, herrscht bei den Payment-Implantaten noch eine Abhängigkeit zu Kreditkarten-Netzwerken wie MasterCard oder Visa. Ohne deren Kooperation ist es schwierig, Implantate ohne Ablaufdatum auszustellen. Sollte es bis dahin noch keine praktischeren Implantate geben, weiß ich noch nicht, ob ich meins austauschen werde.

Kannst Du allen Lesern, die mit dem Gedanken spielen, sich so ein Implantat setzen zu wollen, noch einen Ratschlag geben?

Lieber warten. Durch das Ablaufdatum, den Preis und die Größe ist das aktuelle Payment-Implantat noch zu unpraktisch.“

An Payment-Implantaten wird derzeit besonders gearbeitet. Ich bin zuversichtlich, dass es in den nächsten Jahren Implantate ohne Ablaufdatum, wahrscheinlich sogar in Reiskorngröße, geben wird.Rudolf Linsenbarth

 
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