BLOCKCHAIN/ DLT9. Dez. 2016

Blockchain & Distributed-Ledger-Technologie: Warum die Standardisierung so wichtig ist!

Dr. Eric Günter Krause, Partner – Head Financial Services, Infosys ConsultingInfosys Consulting
Dr. Eric Günter Krause, Partner – Head Financial Services, Infosys ConsultingInfosys Consulting

Die Rollenkette ist ein kleines Wunder der Moderne. Ihre inein­ander verzahnten Ovale, die durch Gelenke zusammengehalten werden, leiten Kraft verlässlich durch Zahnräder und Getriebe. Eben weil sie so effizient ist, kommt die Rollenkette heute in vielen Produkten zum Einsatz: Fahr- und Motorräder, Kettensägen, Landwirtschafts- und Industriemaschinen und sogar Flugzeuge nennen Rollenketten ihr Eigen. Die Distributed-Ledger-Technologie (DLT) ist die Rollenkette der Finanzbranche.

von Dr. Eric Günter Krause,
Head Financial Services Infosys Consulting

Der Erfolg der Rollenkette kam nicht von heute auf morgen. Bis die Idee zur Realität und schließlich zum Standard wurde, vergingen hunderte von Jahren. Den großen Durchbruch schaffte die Rollenkette erst 1879, als der Schweizer Ingenieur Hans Renold in England mit der Massenproduktion begann. Das Timing war perfekt: Die Massenproduktion war bereits etabliert, Materialien ausreichend verfügbar, und Renolds hatte der Rollenkette zu einem standardisierten Design verholfen.

Was die Rollenkette für die Produktion ist, kann die Distributed-Ledger-Technologie (DLT) für die Finanzbranche werden: Die Plattform aus miteinander verknüpften Transaktionen in einem gemeinsamen Hauptbuch liegt der Blockchain zugrunde und eignet sich für viele Anwendungsfälle. Das Konzept ist simpel, doch die DLT braucht ein Netzwerk, um ihr Potenzial voll zu entfalten.

Eine Sache fehlt dazu noch: der Standard.“

Die Zukunft von DLT hängt davon ab, ob alle Parteien standardisierte Methoden für die Zusammenarbeit nutzen. Das steigert die Effizienz und reduziert Kosten und Ressourcenverbrauch. Im Optimalfall gibt es ein gemeinsam genutztes Distributed Ledger, in welchem die Parteien direkt ohne Middleware oder Schnittstellen zusammenarbeiten können. Die Realität sieht leider noch anders aus. Komplizierte lokale Gegebenheiten sowie regulatorische und politische Prozesse verlangsamen die Standardisierung. Unternehmen verfolgen verschiedene Strategien, und manche sehen in den jetzigen Prozessen einen Wettbewerbsvorteil. Trotzdem ist es im Interesse aller, der Standardisierung von DLT auf die Sprünge zu helfen.

Möglichkeiten für Banken und Institute

Finanzinstitute auf der ganzen Welt sind inzwischen auf DLT aufmerksam geworden. Die Credit Suisse erklärt, DLT sei „mehr eine Chance als ein Risiko“, vor allem für “vertikal integrierte US-Derivatebörsen“. NASDAQ möchte DLT ebenfalls ausprobieren und entwickelt sogar ihr eigenes Distributed Ledger namens Linq. Sogar Swift, der Inbegriff eines Mittelsmanns, prüft DLT, um sicherzustellen, dass das Zahlungsnetzwerk relevant bleibt. Es ist keine Überraschung, dass die Institutionen neugierig auf die Auswirkungen von DLT blicken.

Ein erfolgreiches System wäre eine enorme Chance, den Kundenservice zu verbessern, ohne den regulatorischen Rahmen zu verlassen.“

Die Gründe für das Interesse von allen Seiten sind zahlreich: DLT könnte den Transaktionsverkehr zwischen verschiedenen Finanzinstitutionen standardisieren und eine Vielzahl veralteter Methoden und Prozesse ersetzen. Der Handel läuft schneller, die Buchhaltung wird vereinfacht und Betrug leichter aufgedeckt. All das läuft mit DLT in einem kollektiv verwalteten Distributed Ledger ab, dessen Einträge automatisiert erstellt werden und die unveränderlich und transparent sind.

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Doch die Technologie wird ihr volles Potenzial niemals ohne Standardisierung erreichen. Bei DLT verhält es sich ebenso wie mit dem Peer-to-Peer-Verkehr, der sich auf standardisierte Internet-Protokolle anstatt auf Punkt-zu-Punkt-Verbindungen stützt. Auch die Maschinen, auf denen DLT läuft, brauchen einen Kommunikationskanal, der über das im Netz Verfügbare hinausgeht. Benötigt wird ein sicheres, belastbares und standardisiertes Datenmanagement-System, damit Maschinen miteinander agieren und Werte nahtlos übertragen können.

Viele Köche verderben den Brei?

Standards etablieren sich über ein Komitee. Oder aber, eine bestimmte Vorgehensweise wird immer wieder benutzt und entpuppt sich in der Folge irgendwann als Standard. Bereits heute gibt es Bemühungen, verschiedene Elemente von DLT zu standardisieren. Dazu gehören:

1. Hyperledger: Wird von der Linux Foundation mit dem Ziel gefördert, die nötigen Eigenschaften zu identifizieren, die ein offener, industrieübergreifender Distributed-Ledger-Standard benötigt. Das Projekt will verschiedene Ansätze, offene Protokolle und das Entwickeln von Standards zusammenführen. Dazu bietet Hyperledger ein modulares Framework, das verschiedene DLT-Komponenten unterstützt.

2. Interledger (W3C) ist ein kollaboratives Open-Source-Projekt, das ein universelles Zahlungsschema entwickeln will. Es soll auf offenen Web-Standards basieren und Zahlungen unabhängig davon erlauben, welche Systeme Absender oder Empfänger nutzen.

3. Ethereum: Die gemeinnützige Schweizer Ethereum Foundation hat die Programmiersprache Solidity entwickelt, um Smart Contracts zu standardisieren. Das System verteilt Applikationen und Prozesse automatisiert über Knotenpunkte. Das reduziert die Downtime und das Risiko von Störungen.

4. W3C: Das World Wide Web Consortium konzentriert sich darauf, DLT-Standards für das Internet zu entwickeln und setzt dabei vor allem auf Kompatibilität.

5. Andere Industrie-Konsortien und Arbeitsgruppen arbeiten an Blockchain-Projekten zu Themen wie Resilienz, Skalierbarkeit, Latenz, Datenstruktur, Überprüfbarkeit, Governance, gerichtliche Zuständigkeit, Regulierung und Versionskontrolle. Wieder andere bemühen sich, Smart Contracts vor Gericht zulässig zu machen oder digitale Standards für alle Finanzinstrumente zu setzen.

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DLT aka Blockchain wird langsam erwachsen

Autor Dr. Eric Günter Krause
dr-eric-guenter-krause-partner-infosys-consulting-und-head-financial-services-deutschland-516Dr. Eric Günter Krause ist Partner bei Infosys Consulting, dem globalen Managementberatungszweig von Infosys Ltd. Dort ist er für den Financial-Services-Bereich in Deutschland verantwortlich. Er verfügt über einen Doktor-Titel der Universität St. Gallen (HSG), Schweiz.
All das sind positive Zeichen dafür, dass DLT langsam erwachsen wird. Trotzdem ist Vorsicht geboten: Die Etablierung verschiedener Standards könnte zu einer Balkanisierung des Systems führen. Eine solche Umgebung würde den Fortschritt aufhalten und viele Vorteile von DLT aushebeln. Aus den verschiedenen Standardisierungsmodellen für DLT muss ein einziges werden.

Wird sich DLT also zu einem öffentlichen Gut entwickeln, bei dem niemand ausgeschlossen werden kann und die Nutzung durch eine Person keine Auswirkung auf die Verfügbarkeit hat? Oder wird die Technologie dafür genutzt werden, andere auszugrenzen und sich Wettbewerbsvorteile zu verschaffen?

Genau wie bei der Rollenkette und vielen anderen Technologien wird der Erfolg von DLT von seiner Standardisierung abhängen. Es kommt darauf an, dass Unternehmen zusammenarbeiten und sich auf flexible, offene Standards einigen.

Regierungen und Regulatoren müssen die Technologie gleichzeitig schützen und Innovationen fördern. Erst dann können die Standards dazu genutzt werden, neue leistungsfähige Systeme und Plattformen zu schaffen.“

Sie finden diesen Artikel im Internet auf der Website:
http://www.it-finanzmagazin.de/?p=41667
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