KOMMENTAR30. Sep. 2016

Gefahren bargeldlosen Zahlens – eine gefühlte Gefahr

Rudolf LinsenbarthRudolf Linsenbarth
Rudolf LinsenbarthRudolf Linsenbarth

Die Angst vor einer bargeldlosen Gesellschaft hat in Deutschland mittlerweile das Tempolimit als Aufreger-Thema Nummer Eins abgelöst. Oft werfen die Bargeld-Befürworter ein Gemenge an Argumenten in die Waagschale, die eine rationale Diskussion nicht sinnvoll erscheinen lassen. Kartenzahlungen, egal ob girocard (EC-Karte) oder Kreditkarte werden dann vermengt, mit einer Bargeldobergrenze, der Abschaffung des 500 € Scheins und der Gefahr, dass der Gesetzgeber Bargeld verbietet, wenn es nicht ausreichend genutzt wird. IT Finanzmagazin-Autor Rudolf Linsenbarth kommentiert Wunsch & Wirklichkeit zum bargeldlosen Zahlen.

Das ist neu: Jetzt machen sich auch die öffentlichen rechtlichen Medien das Konglomerat an Argumenten gegen bargeldloses Bezahlen zu eigen. „Gegen den Strich: Lasst uns das Bargeld!“ so lautete der Titel eines Beitrags im WDR Fernsehen der Reihe Markt. Der Beitrag kann in der Mediathek abgerufen werden. Die wichtigsten Aussagen kann man hier nachlesen.

Als Experten hat der WDR Prof. Dr. Max Otte aufgeboten, er lehrt Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Worms. Seine Thesen lauten in etwa so:

1. Den Schweden, als das Bargeldlos-Land Nummer eins in Europa fehlt die Erfahrung eines totalitären Staates, um der Kartenzahlung gegenüber genügend Skepsis aufzubringen
2. Den Schweden fehlen die großen Philosophen der Aufklärung wie Immanuel Kant, um den massiven Karteneinsatz zu hinterfragen
3. Schwarzarbeit ist für den kleinen Mann die ausgleichende Gerechtigkeit gegenüber den Steuervermeidungsstrategien der Superreichen
4. Wenn alle erst mal bargeldlos bezahlen, wird der Bürger richtig abgezockt
5. Bargeld ist in vielen Situationen auch bequemer als e-Pay
6. Bargeld ermöglicht eine bessere Kontrolle der Ausgaben
7. Mit Kartenzahlung entsteht automatisch der gläserne Bürger
8. Bargeldobergrenzen und die Abschaffung großer Geldscheine haben den Zweck, dem Bürger in den bargeldlosen Zahlungsverkehr zu zwängen

Rudolf Linsenbarth
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Rudolf Linsenbarth ist Seni­or Consultant für den Be­reich Mobile Payment und NFC bei COCUS Con­sul­ting. Zuvor war er 11 Jah­re im Bank­bereich als Seni­or Technical Specia­list bei der TARGO IT Consulting (Crédit Mutuel Banken­gruppe). Linsenbarth ist ei­ner der pro­fi­lier­tes­ten Blog­ger der Fi­nanz­szene und kommentiert bei Twit­ter un­ter @holimuk die aktuellen Entwicklungen. Alle Beiträge schreibt Rudolf Linsenbarth im eigenen Namen.
Bezogen auf die ersten drei Aussagen, hoffe ich nicht, dass dies der aktuelle wissenschaftliche Level an deutschen Hochschulen ist. Dann müssten wir uns zusätzlich zum Bargeld noch um ganz andere Dinge sorgen. Ich denke, diese „Argumente“ stehen für sich!

Wie eine zukünftige „Abzocke“ durch die Zahlungsdienstleister erfolgen soll, erklärt Prof. Otte nicht. Die Banken stehen in Deutschland untereinander und mit den neuen FinTech-Startups in einem intensiven Wettbewerb, da wird es sich kein Institut leisten können, die Kunden über Gebühr zu belasten. Zudem ist die im letzten Jahr erfolgte Preisregulierung am Kartenmarkt ein gutes Beispiel dafür, dass der Gesetzgeber gewillt ist, Oligopole wirkungsvoll zu unterbinden.

Ob Bargeld nun bequemer ist als eine Kartenzahlung oder Mobile Payment, liegt wohl eher im Auge des Betrachters und ist eine subjektive Wahrnehmung. Dasselbe gilt für die Frage, ob eine Ausgabenkontrolle mittels Bargeld besser zu bewerkstelligen ist. Mit Bargeld ist irgendwann das Geld weg. Bei Kartenzahlungen, kann man zumindest selber nachvollziehen wofür die Kohle drauf gegangen ist.

Kein gläserner Bürger – der Datenschutz hält dagegen

Womit wir zum gläsernen Bürger kommen. Es ist schlicht und ergreifend nicht wahr, dass ein Dritter ohne Einwilligung des Kartenbesitzers Zugriff auf die Transaktionsdaten erhält. Diese Behauptung und das immer wieder beschworene Szenario vom Bargeldverbot ist eher ein Thema für Verschwörungstheoretiker. Wir leben in einem demokratischen Rechtsstaat, sollte sich das einmal ändern, ist das oben gesagte sowieso obsolet.

Ich bin ebenfalls ein entschiedener Gegner eines Bargeldverbots!“

Bild: Elnur/bigstock.com
Elnur/bigstock.com

Ob eine Bargeldobergrenze oder die Abschaffung des 500€ Scheins sinnvolle Maßnahmen sind, lässt sich durchaus kritisch hinterfragen. Ich will aber auch ein Land ohne Bargeldzwang, jeder Händler sollte frei entscheiden können, welche Zahlverfahren er anbietet, dazu gehört dann auch die Möglichkeit, sich auf bargeldlose Zahlverfahren zu beschränken. Ob sich das durchsetzt, entscheiden die Kunden, so etwas nennt man Marktwirtschaft.

Von den Öffentlich-Rechtlichen Medien würde ich mir in Zukunft eine differenziertere Betrachtung erwarten. Den WDR hätte die Tatsache, dass die befragten Bürger auf der Straße dem bargeldlosen Bezahlen gar nicht so skeptisch gegenüberstehen, auch mal zum Nachdenken anregen können.

Sie finden diesen Artikel im Internet auf der Website:
http://www.it-finanzmagazin.de/?p=37693
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