STRATEGIE20. Dezember 2016

Outsourcing als Antwort auf den Innovationsdruck durch FinTechs – Interview mit dem FI-TS CEO Dr. Kirchmann

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Dr. Walter Kirchmann, Vorsitzender der Geschäftsführung FI-TSFI-TS

FinTechs setzen Banken und Versicherer unter Druck. Es bleiben häufig nur zwei Lösungen: Entweder man kauft sie oder man entwickelt selber. Dazu haben die Unternehmen zwar clevere Leute – doch fast immer fehlen die Freiräume. Wir haben mit Dr. Walter Kirchmann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Finanz Informatik Tech­no­lo­gie Service (FI-TS), gesprochen – wie Banken und Versicherer Freiräume schaffen könnten.

Es hat den Anschein, dass sich Banken und Versicherer sehr schwer damit tun, digitale Innovationen tatsächlich bis zum Endkunden zu bringen. Oft bleibt es nur bei Prototypen. Warum erstarren Projekte so oft auf den letzten Metern?

Erstarren ist zu hart formuliert. Aber der Erfolg der FinTechs hängt unmittelbar mit einer der großen Herausforderungen zusammen, vor denen sowohl Banken als auch Versicherungen stehen. Denn mit der Digitalisierung hat sich das Kundenverhalten deutlich geändert. Gleichzeitig müssen die Unternehmen aber noch weitere Herausforderungen meistern. Denn sowohl Banken als auch Versicherungen suchen nach Lösungen, um die immer noch steigenden regulatorischen Anforderungen zu erfüllen. Auch das Thema IT-Sicherheit besitzt nach wie vor eine hohe Priorität bei den Verantwortlichen.

Und deshalb stockt die Umsetzung von Projekten, die FinTechs Paroli bieten?

Ja, denn Banken und Versicherer können nicht wie FinTechs und InsurTechs auf der grünen Wiese aufsetzen.“

Innovation und Veränderungen müssen bei ihnen in einer über Jahrzehnten gewachsenen Anwendungs- und Systemlandschaft umgesetzt werden – und das bei 100% Verfügbarkeit im laufenden Betrieb.

Nun hängt die Digitalisierung (neben der UX) zentral an der IT. Wo ist der Ansatzpunkt, um Banken und Versicherer flexibler zu machen?

Die IT übernimmt aus meiner Sicht die entscheidende Rolle. Sie ist der Enabler, der Lösungen für diese Herausforderungen erst möglich macht. Mit ihr können Banken und Versicherungen nicht nur den veränderten digitalen Rahmenbedingungen begegnen, sondern auch sicherstellen, dass die regulatorischen Vorschriften erfüllt werden. Gleichzeitig lassen sich zahlreiche Prozesse dank IT automatisieren und standardisieren, was die Effizienz steigert und somit hilft, Kosten zu senken.

Nun sind Sie ja klassischer IT-Outsourcing-Anbieter. Kann denn eine outgesourcte IT noch innovativ für das Unternehmen sein?

Gerade der ausgelagerte IT-Betrieb unterstützt doch Unternehmen in ihrem Bestreben, innovativ zu sein. Denn einerseits werden IT-Abteilungen von grundlegenden IT-Aufgaben entlastet. So können sie sich wieder strategischen und innovativen Themen zuwenden. Andererseits erwarten Kunden von ihrem IT-Dienstleister eine zeitgemäße Unterstützung, die auch Innovationen unterstützt, wenn sie sich für Outsourcing entscheiden.

Wie erleben Sie die Gespräche mit Vorständen in Banken und Versicherungen? Welche Hürden bzw. Vorurteile müssen Sie da überwinden?

Es gibt an dieser Stelle einen großen Unterschied zwischen Banken und Versicherungen. Denn Banken sind bei IT-Outsourcing schon weiter, sie haben umfangreiche Erfahrungen dabei sammeln können. Aber nun sorgen Regulatorik und Cyber Security für mehr Komplexität. Daher entscheiden sich aktuell immer mehr Banken für eine Single-Sourcing-Strategie mit einem branchenversierten Partner. So senken sie die Provider-Vielfalt und vereinfachen die Provider-Steuerung.

Und Versicherer?

Versicherungen stehen dagegen zurzeit vor der Make-or-Buy-Entscheidung. Denn die Versicherungs-IT wird in weiten Teilen immer noch in Eigenregie betrieben. Allerdings sind die bestehenden Systeme im Laufe der Zeit heterogen gewachsen und somit auch komplexer geworden. Demgegenüber stehen aktuelle Anforderungen an eine durchgängige IT-Unterstützung im Multi-Kanal verbunden mit kurzen Produkt- und Entwicklungszyklen. Und auch die steigende Regulierung, wachsender Kostendruck und der IT-Fachkräftemangel lassen Vorstände und CIOs von Versicherungen verstärkt über IT-Outsourcing nachdenken.

Grundsätzlich haben die Verantwortlichen die zentrale Rolle der IT akzeptiert.“

Trotzdem müssen wir in den Gesprächen auf Vorstandsebene Überzeugungsarbeit leisten, wenn es etwa um elementare Themen wie Sicherheit und Einhaltung der Regulatorik geht. Dabei müssen wir zeigen, dass eine Auslagerung des IT-Betriebes bei diesen Punkten erhebliche Vorteile bietet. In den Diskussionen können wir mit unserer langjährigen Erfahrung in der Finanzwirtschaft überzeugen.

Mit welchen Argumenten wollen Sie Entscheider überzeugen, die eigene IT auszulagern?

Wir brauchen die Entscheider nicht mehr zu überzeugen, ihre IT auszulagern.

Diese Entscheidung haben sie meist im Vorfeld getroffen, wenn sie mit uns sprechen.“

Wir müssen in den Gesprächen letztendlich zeigen, dass wir der richtige Partner sind und die Anforderungen umsetzen können. Hier können wir auf unsere Expertise durch die zahlreichen erfolgreichen Projekte in der Finanzwirtschaft verweisen. Ein wichtiger Punkt ist sicherlich auch, dass wir unsere Rechenzentren ausschließlich in Deutschland betreiben.

Sind da Rechenzentren in Deutschland so wichtig? Bei welchem ihrer Kunden war das DER entscheidende Punkt?

Einen einzelnen Kunden kann ich da gar nicht hervorheben. Die Gründe für die Auslagerung des IT-Betriebs ähneln sich bei allen unseren Kunden. Sie suchen eine moderne und zeitgemäße IT-Unterstützung, die ihre Anforderungen hinsichtlich Regulatorik und Sicherheit vollumfassend erfüllt. Dabei ist eines klar: …

… Das Thema Kosten spielt in den Überlegungen nach wie vor eine sehr dominante Rolle. Allerdings werden die Themen Qualität, Sicherheit und Regulatorik jetzt deutlich stärker gewichtet.“

Welche Erwartungen haben denn Vorstände der Versicherungs- und Finanzwirtschaft an einen IT-Dienstleister?

Unsere Kunden wollen einen zeitgemäßen IT-Betrieb. Denn dieser bildet die Basis, um das Geschäftsmodell auf den digitalen Wandel auszurichten. Dies bezieht sich nicht nur auf technologische Fragestellungen, sondern auch auf operativen Service, beispielsweise 24*7 Betrieb für digitalisierte Prozesse in einer Versicherung. Darüber hinaus erwarten sie, dass wir Synergieeffekte und weitere Potenziale identifizieren, um etwa Prozesse zu automatisieren.

Nun ist eine outgesourcte IT ja nicht mehr Teil des Unternehmens. Wie schaffen Sie es, dass sie sich dennoch wie ein Teil der Bank oder Versicherung anfühlt und gleichzeitig in dem Unternehmen die entscheidende Relevanz der IT deutlich wird?

Es gilt keineswegs das Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“! Wir stehen mit unseren Kunden intensiv im Austausch. Dafür bauen sie in der Regel auch eine neue Abteilung Provider-Steuerung auf, die etwa darauf achtet, dass die vertraglich vereinbarten Service-Level-Agreements eingehalten werden.

Im Unternehmen wird die Relevanz der ausgelagerten IT auch dadurch deutlich, dass Projekte anders realisiert werden können, weil flexibel einsetzbare IT-Ressourcen zur Verfügung stehen.“

Die Versicherungen nehmen ihre IT ganz anders wahr, wenn etwa aufgrund einer höheren Automation, schnelleren Antwortzeiten sowie kürzeren Bereitstellungszeiten und neuen Schnittstellen Testsysteme deutlich schneller bereitgestellt werden.

Dr. Walter Kirchmann
dr-walter-kirchmann-516Dr. Walter Kirchmann kam zu Beginn des Jah­res 2004 als Ge­schäftsfüh­rer zu Fi­nanz In­formatik Tech­no­logie Service (FI-TS) nach Mün­chen und ist für den kauf­männi­schen Be­reich und den Vertrieb ver­antwortlich. Seit Mai 2008 ist er Vorsitzen­der der Ge­schäfts­führung von FI-TS. Der pro­movier­te Wirt­schafts- und Or­ganisati­ons­wis­senschaftler verfügt über langjähr­ige Management­er­fahrung in den Be­rei­chen Controlling und Or­ganisati­on. Die­se sammelte er un­ter an­de­rem in namhaf­ten Kredit­in­sti­tu­ten und bei Fi­nanzdienst­leistern.

Wie stehen Banken und Versicherungen eigentlich dem Einsatz von Cloud-Technologien gegenüber? Bis auf den Einsatz der grundlegenden Cloud-Technologie als Private-Cloud war das bist jetzt ein No-Go.

Richtig, grundsätzlich haben Banken und Versicherungen schon die Vorteile von Cloud-Technologien erkannt. Gerade Fachbereiche stehen dem Einsatz von Cloud-Technologien offen gegenüber, um damit in kurzer Zeit fachliche Anforderungen umzusetzen. Aber aufgrund der hohen regulatorischen Anforderungen etwa in Bezug auf den Schutz persönlicher Kundendaten setzen sie überwiegend Private-Cloud-Modelle ein. Allerdings kommen hier die wirtschaftlichen Vorteile der Cloud nur im begrenzten Maße zum Tragen. Angesichts der weiterhin hohen Herausforderungen für die Finanzwirtschaft – steigende Regulierung, Niedrigzinsphase, Digitalisierung – beziehen IT-Verantwortliche deshalb in ihre strategischen Planungen jetzt auch den Einsatz von gemeinsam nutzbaren Community-Cloud-Lösungen ein.

Wann würden Sie vom IT-Outsourcing abraten?

Grundsätzlich würde ich keinem Unternehmen von der Auslagerung des IT-Betriebs abraten. Denn es gibt aus meiner Sicht immer gute Gründe dafür, mit einem Spezialisten zusammenzuarbeiten. Ich sehe zurzeit auch mehr einen Trend in Richtung Outsourcing als umgekehrt.

Vielen Dank, Herr Dr. Kirchmann.

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