STRATEGIE17. April 2019

Die Banken auf dem Weg zum digitalen Ökosystem – Dr. Edeltraud Leibrock im Interview

Dr. Edeltraud Leibrock, Geschäftsführerin und Partnerin Connected Innovations - schildert die Probleme der Banken
Dr. Edeltraud Leibrock, Geschäftsführerin und Partnerin Connected InnovationsAnja Kühner

Dr. Edeltraud Leibrock ist ehemaliger Vorstand der KfW Bankengruppe für IT und Prozesse – und hat einen äußerst scharfen Blick auf die Digitalisierung. Im Interview mit Anja Kühner schildert Frau Dr. Leibrock die Probleme klassischer Banken, den Wert durchgängiger Geschäftsprozesse und die Attraktivität von Ökosystemen.

Frau Dr. Leibrock, als Insiderin und ehemalige KfW-Vorständin blicken Sie heute wieder stärker von außen auf die Finanzbranche. Ist die IT der deutschen Geldinstitute inzwischen zukunftsfähig aufgestellt?

Das kommt darauf an … Es scheint, als bekämen viele Universalbanken heutiger Prägung zunehmend Probleme, obwohl sie durchaus in ihre IT investieren.

Und der Grund dafür sind nicht die FinTechs. Wir haben vor Jahren schon diskutiert, ob die FinTechs wohl die Bankenbranche hinwegfegen werden. Heute sehen wir mehr und mehr Kooperationen – sie bieten riesige Vorteile für die Banken …“

… der Partner bringt den Prozess beziehungsweise die Plattform für ein spezifisches Produkt oder Dienstleistung mit. Die Entwicklung einer eigenen IT-Lösung ist gar nicht mehr notwendig. Und wenn das On- und Offboarding der Partner gut funktioniert, entsteht auch kein Risiko einer großen Abhängigkeit – ganz anders als bisher. Geschäftsmodelle und -prozesse werden so viel fluider und besser auf Markt- und Kundenbedürfnisse anpassbar. Das funktioniert aber nur dann, wenn auch die Banken sich massiv verändern und ihre Digitalisierung, das heißt ihren eigenen Umbau zur Plattform vorantreiben. Nur dann hat diese neue Form von Zusammenarbeit überhaupt eine realistische Chance.

Sind denn die Institute dabei schon auf einem guten Weg?

Anja Kühner

Auch da muss man differenzieren. Nicht alle haben ein klares Zielbild und den ganzheitlichen Blick auf die notwendigen Veränderungen. Viele sind ja mit punktuellen Digitalisierungsexperimenten und der Erfüllung der Regulatorik schon mehr als ausgelastet.

Die Frage ist doch: Wie kann ich mich als Bank mit all der Historie, die ich mitbringe, mit meinen Legacy-Systemen und -Beständen wirklich transformieren in eine Banking-Plattform.“

Es gibt ein paar Häuser wie die ING, die es offensichtlich wirklich ernst damit meinen und denen man das auch zutrauen kann. PSD2 und offene Schnittstellen haben diesen Weg geebnet. Und auch hier waren FinTechs die ersten, die das erkannt und genutzt haben, wie zum Beispiel figo, ein API-Banking Pionier, der allen Partnern einen einheitlichen Zugriffslayer bietet. Dritte, ob Bank oder FinTech, können darauf eigene Angebote entwickeln – wie beispielsweise der Kontowechselservice fino.

Bankathons zielen genau darauf ab. Es entstehen also echte Ökosysteme, und wie in der Biologie handelt es sich dabei um dynamische Gebilde.“

Wie würde ein erfolgversprechendes Ökosystem rund um eine Bank aussehen?

Anja Kühner

Das schöne ist, dass Ökosysteme mit zunehmender Größe immer robuster werden. Komplexität – nicht Kompliziertheit – wird zum Wettbewerbsvorteil.“

Jede Bank kann und sollte ihre ur-eigenste Expertise einbringen, das, worin sie besonders gut ist, sei es das Wissen um die Bedürfnisse einer bestimmten Kundengruppe, spezifische Produkte oder Dienstleistungen. Auch wenn es paradox klingt, die Konzentration auf die eigenen Stärken schützt am allerbesten vor Konkurrenz, auch der drohenden durch die großen Tech-Plattformen aus West und Ost. Und das, was ich nicht ganz so gut kann als einzelnes Institut, das hole ich mir von ebenso starken und spezialisierten Partnern dazu. Da kommt dann übrigens auch Distributed Ledger Technology ins Spiel, denn DLT vereinfacht unternehmensübergreifende Kooperationen zwischen allen beteiligten Partnern entlang von Geschäftsprozessen.

Dr. Edeltraud Leibrock
Dr. Edeltraud Leibrock ist Ge­schäfts­füh­re­rin und Part­ne­rin bei Con­nec­ted In­no­va­tions, ei­ner auf künst­li­che In­tel­li­genz und Au­to­ma­ti­sie­rung aus­ge­rich­te­ten Spe­zi­al­be­ra­tung. Die pro­mo­vier­te Na­tur­wis­sen­schaft­le­rin (Phy­sik, Bio­lo­gie) war u.a. im Vor­stand der KfW Ban­ken­grup­pe für IT und Pro­zes­se zu­stän­dig. Sie en­ga­giert sich als Men­to­rin für Star­tups und im Be­reich Un­ter­neh­mens­grün­dung. Als In­itia­to­rin des „Uto­pi­schen Sa­lon­s“, ei­nes pri­va­ten Think Tanks, setzt sie sich zu den ge­sell­schaft­li­chen Im­pli­ka­tio­nen von Di­gi­ta­li­sie­rung, Vir­tua­li­sie­rung und Künst­li­cher In­tel­li­genz auseinander.

Alle sprechen ja von Blockchain – wie wird diese Technologie die Banken verändern?

Blockchain oder allgemeiner gesprochen DLT dokumentiert jede Transaktion eineindeutig und mit Timestamp versehen für alle Zeiten und hat das Potenzial, zum Mittel der Wahl zu werden für Existenzbeweise und Zertifizierung von Daten – quasi die Buchhaltung und der Notar des 21. Jahrhunderts. Der Werttransfer kann dabei via Tokens, also digitalen Währungen statt Fiatgeld erfolgen. Smart Contracts wiederum erlauben es, den gesamten Geschäftsprozess mit allen Konditionalitäten zu programmieren.

Der einsetzende Hype um Blockchain hat sich zwar in letzter Zeit wieder etwas gelegt, denn in vielen Fällen war der Ansatz gewesen „Lösung sucht Problem“, und dann denkt man einfach zu klein. Man findet dann lauter Probleme, für die es eine einfachere Lösung gäbe oder heute sogar schon gibt.

Ich bin überzeugt, dass der eigentliche Wert von DLT gerade in komplexen Ökosystemen zum Tragen kommen wird.“

Was kommt nach den Smart Contracts?

In Kombination von DLT und künstlicher Intelligenz sind sogar rein computergesteuerte Unternehmen denkbar, sogenannten DAOs oder Decentralized Autonomous Organizations. Der Mensch mit seinen Bedürfnissen steht am Anfang und am Ende des Prozesses, alles dazwischen erledigt die digitale Fabrik, die Banking-Leistung wäre dann ein Teil davon.“

Automatisierung gibt es auch in der Finanzbranche schon lange. In welchen Bereichen findet sie sich momentan am häufigsten?

Anja Kühner

Ja, das ist richtig. Allerdings haben die allermeisten Prozesse noch Systembrüche mit manuellen Schnittstellen. Das ist überall da der Fall, wo eine technische Schnittstelle zwischen den unterschiedlichen Systemen bisher zu aufwändig und zu teuer gewesen wäre. Das müssen dann eben Menschen machen – und diese Tätigkeiten sind meistens weder besonders interessant noch vielfältig, sondern eher langweilig und repetitiv. Inzwischen haben wir Robotic Process Automation oder Software-Roboter, die die menschlichen Handgriffe eins zu eins übernehmen und ausführen. Das ist einfach, risikoarm und kostengünstig und damit für viele Häuser der Einstieg in eine weitergehende Prozessautomatisierung. RPA ist zwar noch keine künstliche Intelligenz, aber eine gute Vorbereitung dafür, da durchgehende Prozesse und eine saubere Datenbasis entstehen, und man sieht sehr schnell die Erfolge. Die Top Use Cases für RPA im Banking sind derzeit Automatisierung Compliance Reporting, Reconciliation, Management von IT-Zugangsberechtigungen und im Kreditservice bis hin zur automatisierten Bearbeitung von Kreditanträgen.

Was kommt, wenn diese Aufgaben abgearbeitet sind?

Dann kommen die komplexeren Use Cases an die Reihe, und auch solche, die RPA mit künstlicher Intelligenz verknüpfen, wie zum Beispiel Sentiment-Analysen, die die Kundenzufriedenheit aus der Kommunikation ableiten, Summarizer, die Kundengespräche mittels Natural Language Processing zusammenfassen und das automatische Klassifizieren von Dokumenten nach komplexen Keyword-Kombinationen.“

Wenn Banken selbst zu Technologieunternehmen werden, ist dann die Gefahr durch die großen Tech-Plattformen, die GAFAs und ihre fernöstlichen Pendants, gebannt?

Gebannt ist diese Gefahr ganz sicher nicht. Es ist völlig offen, wer das Rennen gewinnt.

Banken dürfen keine Zeit mehr verlieren dabei, sich in Techunternehmen, in digitale Plattformen zu transformieren.
Anja Kühner

Banken dürfen keine Zeit mehr verlieren dabei, sich in Techunternehmen, in digitale Plattformen zu transformieren.“

Daher sehe ich klassische Bankenmerger alter Prägung – mal ganz unabhängig von den beteiligten Instituten – eher skeptisch. Üblicherweise führt das zu jahrelanger Beschäftigung mit sich selbst, während die Welt nicht stillsteht. Aber alle Banken haben eines gemeinsam, und das ist der Kern ihres Geschäftsmodells: Risiken nehmen, bündeln und in Rendite verwandeln. Das haben sie allen Wettbewerbern voraus, das gilt es zu nutzen. Sie dürfen sich allerdings auf dieser Kompetenz nicht ausruhen. Führungsanspruch einfordern und dann nicht handeln, das geht nie lange gut.

Frau Dr. Leibrock, vielen herzlichen Dank für die spannenden Einblicke!Anja Kühner

 
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